"Paul-Daimler-Wagen", 1901 - 1902

"Paul-Daimler-Wagen", 1901 - 1902

Paul Daimler, der älteste Sohn des Firmengründers, war seit 1897 im Konstruktionsbüro der DMG tätig. Da es häufig zu Differenzen mit Wilhelm Maybach, dem genialen Chefkonstrukteur des Unternehmens kam, erhielt Daimler junior ein eigenes Betätigungsfeld, wo er unabhängig von Maybach agieren konnte.

In diesem eigenständigen Konstruktionsbüro, das von Maybach durchaus als Konkurrenz betrachtet wurde, begann Daimler 1899 mit der Konstruktion eines Kleinwagens. Insbesondere in Frankreich waren derartige Fahrzeuge als sogenannte "Voituretten" sehr schnell recht populär geworden, und Daimler beabsichtigte, in diesem Marktsegment mit einer modernen Konstruktion Fuß zu fassen.

Im Juni 1900 mußte das Team von Paul Daimler die Arbeiten unterbrechen, um Wilhelm Maybach und sein Konstruktionsbüro bei der Fertigstellung des Mercedes 35 PS zu unterstützen. Der immense Termindruck bei der Entwicklung des ersten modernen Automobils forderte alle Kapazitäten der DMG.

Ende Oktober hatte Paul Daimler seinen Entwurf soweit vollendet, dass die Zeichnungen der Werkstatt übergeben werden konnten, wo mit der Anfertigung von drei Versuchswagen begonnen werden sollte.

Aus Gründen, die nicht dokumentiert sind, erfolgte die Fertigstellung des ersten Fahrzeugs dann jedoch erst ein Jahr später, im Oktober 1901. Es entstand zunächst ein Zweisitzer mit gerader Lenksäule und innenliegendem Kettenantrieb, der über Zahnritzel auf Innenzahnkränze in den Hinterrädern wirkte. Zwei Monate später war ein zweites Exemplar fertig zur Auslieferung.

Im April 1902 verließ als dritter Versuchswagen eine neue Variante die Montagehalle: Ein Viersitzer mit Tonneau-Karosserie, der konstruktiv in mehrfacher Hinsicht modifiziert worden war. Diese Version verfügte über eine schräg stehende Lenksäule und einen konventionellen Kettenantrieb auf die Hinterräder.

Beiden Varianten gemeinsam war ein quer eingebauter Zweizylinder-Reihenmotor mit automatischen Einlaßventilen uns seitlich stehenden Auslaßventilen. Mit einem Hubraum von 1,4 Liter wurde eine Leistung von ca. 8 PS bei 850/min erzielt.

Trotz dieses recht modernen Konzepts ging der Kleinwagen, der werksintern "Paul-Daimler-Wagen" genannt wurde, nicht in Serienproduktion - einerseits waren wohl die von Maybach konstruierten Mercedes-Modelle eine zu attraktive Konkurrenz, andererseits lastete der Verkaufserfolg des Mercedes sämtliche Produktionskapazitäten der DMG vollkommen aus.

Für Paul Daimler, der im Juni 1902 die technische Leitung der "Österreichischen Daimler-Motoren-Commanditgesellschaft", einer neu erworbenen Tochtergesellschaft der DMG, übernommen hatte, lag es daher nahe, in Wiener Neustadt einen neuen Versuch zur Vermarktung seines Kleinwagens zu unternehmen.

Im März 1903 wurde der "leichte Wagen Paul Daimler" in einer modifizierten Version als Coupé und Doppel-Phaeton auf der Internationalen Automobil-Ausstellung in Wien präsentiert. Obwohl die "Allgemeine Automobil-Zeitung" feststellte, "... dass der Preis ein sehr raisonabler ist", war Paul Daimler mit seinem Kleinwagen auch im zweiten Anlauf kein Erfolg beschieden, und eine nennenswerte Serienproduktion kam nicht zustande.

Vor dem Zweiten Weltkrieg gehörten die beiden Cannstatter Musterwagen - ein Zweisitzer und der viersitzige Tonneau - zur Sammlung des Daimler-Benz Museums. Im Rahmen der Verlagerungen während des Krieges und des Untergangs zahlreicher verlagerter Objekte nach Kriegsende hat sich die Spur dieser beiden Fahrzeuge verloren, so dass heute vermutlich kein Exemplar des Paul-Daimler-Wagens mehr existiert.

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